Merkmale eines Kafka-Textes
Nehmen wir nun das Beispiel der alltäglichen Verwirrung und prüfen es auf inhaltliche sowie formale Teilaspekte, aufgrund derer man diesen Text eindeutig Kafka zuordnen kann.
Ich gehe zunächst auf die inhaltliche Prüfung ein:
Betrahte ich nur die reine Handlung des Textes, so fallen mir gleich zwei typische kafkasche Merkmale auf: Es ist ein linearer Handlaungsverlauf, der in sich schlüssig ist. Des Weiteren hält sich der Erzähler mit der Vergabe von Hintergrundinfor-mationen sehr bedeckt, das heißt: man weiß eigentlich nur, dass es um irgendeinen Geschäftsabschluss geht.
Der erste Satz, oder gar schon die Überschrift, entspricht meiner Meinung nach ebenfalls einem Text Kafkas. Der Erzähler
hat in diesen Teilen des Textes gleich dreimal das Wort "alltäglich" eingebaut, was mir als Leser das Gefühl vermittelt, direkt am Geschehen teilzunehmen. Dieses Gefühl kann ebenfalls durch die Wahl der Namen für die Personen verstärkt werden: A und B. Das können Variable für einen jeden Menschen sein.
Nun betrachte ich den Inhalt des Textes etwas weiter, und dort wimmelt es nur von Indizien, die diesen Text Kafka zuordnen lassen. Natürlich kann ich nicht alle hier auflisten, es gibt jedoch sehr ausschlagkräftige Argumente:
A steht also kurz davor ein Geschäft mit B abzuschließen. Dieses Geschäft scheint eine Aufgabe - eine sehr wichtige Aufgabe - ("[...] ein wichtiges Geschäft [...]", Z. 2/3) für A zu sein. Das lässt sich auch daran erkennen, dass er sich "in Angst wegen des Geschäfts" (Z. 20) nach seiner Verspätung sofort aufmacht, um B zu suchen. Dieses Indiz steht für Kafka, der behauptet, dass jeder Mensch nach einem Ziel im Leben strebt. Dieses Ziel scheint für A das Geschäft zu sein. A läuft nun also zurück zu sich nach Hause, wo B schon ungeduldig wartet. A läuft - das Ziel vor Augen- die Treppe hinauf, doch er stürzt, erleidet eine Sehnenzerrung und hört nur noch, wie B "endgültig verschwindet" (Z. 42/43). Dies weist ebenfalls auf ein für Kafka typisches Merkmal hin: Das Scheitern des Menschen vor einem bestimmten Ziel. Dass A endgültig gescheitert ist, steht im letzten Satz: B verschwindet endgültig. Wenn wir jetzt noch hinzuziehen, dass A und B eigentlich jedermann sein könnte, erhalten wir Kafkas These, der Mensch sei zum Scheitern verurteilt.
Ein weiterer Grund, warum man diesen Text Kafka zuordnen kann, ist mir beim Lesen der Zeilen 3 bist 14 aufgefallen. Denn jene entsprechen Kafkas "Schein und Sein": Der Weg zur Vorbesprechung - also nach H- dauert zehn Minuten. Die Vorbesprechung verläuft reibungslos, so wird A wahrscheinlich davon ausgehen, dass er auch am Tage des Geschäftsabschlusses zehn Minuten nach H brauchen wird, um dort sein Geschäft problemlos abzuschließen. Aber wie man später erfährt, ist dies eben nicht so: Am Tage des Geschäftsabschlusses braucht er für den Weg aus für A unerklärlichen Gründen zehn Stunden.
Dieser Abschnitt beinhaltet auch noch zwei weitere Kafka-typische Merkmale: Anscheinend hindert A eine höhere Instanz am Geschäftsabschluss, denn nach A's Meinung wären alle Nebenumstände die gleichen gewesen. Das zweite Merkmal ist die These: "Der Weg ist das Ziel". Konkret auf die Geschichte übertragen, wäre für A der Weg nach H das Ziel, nämlich zu seinem wichten Geschäftsabschluss.
Beim Weiterlesen fiel mir wieder etwas Interessantes auf: Zeit und Raum sind in der Handlung überwindbar, das Ziel wird trotzdem nicht erreicht - Indiz für Kafka. An dem einen Tag braucht A für die immer gleichbleibende Strecke "zehn Minuten" (Z. 5), dann "zehn Stunde" (Z. 14) und als Letztes "geradezu in einem Augenblick" (Z. 23).
Und noch ein Merkmal lässt sich in dem Text finden: Man betrachte den Widerspruch von Zeile 17/18 und den Zeilen 24 bis 29. A ist der Meinung, er hätte B treffen müssen, B sagt jedoch, er habe A getroffen, der habe jedoch gesagt, er hätte keine Zeit. Das ist paradox, denn warum sollte A sagen, dass er keine Zeit für B habe? Schließlich will er doch ein wichtiges Geschäft mit ihm abschließen.
Am Ende des Textes trifft man wieder auf das endgültige Scheitern von A. Hier zeigt sich die für Kafka typische Interpretationsoffenheit des Textes. So könnte man zum Beispiel sagen, dass A selbst an seinem Scheitern schuld gewesen ist, er hätte beim Treppensteigen ja besser auf seine Füße gucken können. Dies ist eine - sehr stupide- von vielen Interpretationsmöglichkeiten.
So viel zum Inhaltlichen, kommen wir nun zu formalen Begebenheiten: Dieser Text entspricht vollkommen einer parabolischen Prosa Kafkas. Er lässt sich in zwei Teile aufteilen, wobei der eine den Weg bis kurz vor das Ziel erzählt (Z. 1 - 35) und der andere das endgültige Scheitern (Z. 36 - 43). Auffällig ist, dass die Sätze in eben jenem ersten Teil eine normale Satzlänge besitzen, während der letzte Satz - der ganz alleine den zweiten Teil bildet- sehr lang ist und alles vorher Erzählte zunichte macht.
So viel zu den Kafka-typischen Merkmalen, du wirst in jedem Fall in seinen Werken wiederfinden! |